Prenez le temps – Nehmen Sie sich Zeit!

„Ich bin eine Vergé“. Mehr muss sie zur Begrüßung nicht sagen. Madame B., die Frau, die nach unserm Haus schaut und zum ersten Mal bei uns ist.
Ma cuisine du soleil

Roger Vergé, der berühmte Sternekoch, ist ihr Vater.
Madame setzt sich noch etwas aufrechter vor uns.
In Mougins, in einer alten Öhlmühle, hat er sich drei Sterne erkocht und es zum Ritter der Ehrenlegion gebracht. Wie Küchenduft schwebt etwas von Vergés Glanz durch unser Esszimmer.

Nach der Bekanntgabe ihrer Herkunft, hat sich andächtige Stille breit gemacht. Madame B. nutzt diese für ihre nächste Ankündigung.
Ein Schädlingsbekämpfer müsse her, wegen der Wespen und Mücken. Drei Stunden dürften wir das Haus nicht verlassen, aber danach sei alles gut.

Als sie unsere erschrockenen Gesichter sieht, zuckt sie mit den Schultern: „Es ist besser so.“ Ihr Tonfall erinnert mich an den meiner Tante, wenn wir Kinder quengelten und nicht nachhause gehen wollten. Widerworte waren zwecklos.

Wir versuchen es dennoch. Und das ist gut. Denn ohne es zu beabsichtigen, gewinnen wir Madames Respekt.

Dagegen sein, nichts glauben und nichts einfach hinnehmen, das sind Tugenden, die hier sehr geschätzt werden. Am Marktstand die erstbeste Tomate kaufen, das kann jeder. Wer sich als ebenbürtiger Partner in dem Kaufhandel erweisen will, begutachtet skeptisch, berät sich mit dem Händler und wartet, bis dieser zögernd eine seiner besten Sorten unter dem Marktstand hervorkramt und anbietet.

Warten lernen


Madame B. scheint gelöster durch unsern Widerspruch. Offenbar sind wir nun bereit für die wichtigste Lektion, die sie für uns bereithält.


„Prenez-vous le temps!“ Nehmen Sie sich Zeit.

Ihr Ton ist nicht mahnend, sondern einladend, als böte sie uns Zitronentarte zum Dessert an. Jedenfalls verstehe ich es so.

Ob wir nach Terminen für Handwerker fragen oder wissen wollen, wann es Zeit für den Olivenschnitt ist, fast jeder unserer Bemerkungen quittiert sie mit: „Prenez le temps!“

Der Satz wirkt wie ein Stoppschild für unsere Gedanken, die nach vorne preschen wollen.
Unmerklich beginnt das Gespräch eine andere Richtung zu nehmen. Nein, nicht eine andere, viele verschiedene: Von der Hühnerfrau in der Straße über Max Ernst in Seillans zu Lady Diane, die Claviers so geliebt hat. Prenez le temps.

Die Tiere im und ums Haus

Irgendwann sind wir bei den Tieren der Region.
„Das Geheule nachts, sind das etwa Wölfe?“ fragen wir.
„Oh ja? Bein sûr!“ erklärt Madame B. mit weit aufgerissenen Augen.
Dann lenkt sie das Gespräch auf die weniger gefährlichen Tiere, die wir im Auge behalten sollen. Die Mäuse, die bei offener Tür gern ins Haus flitzen, die Ratten(da braucht es wieder den Schädlingsbekämpfer, „mais oui“), die Eichhörnchen und – très mignon – der Siebenschläfer.

Rehe dagegen wären selten. Hätten wir jemals ein „chevreuil“, einen Rehbock, gehört?
Wir schütteln die Köpfe. Sie weitet den Brustkorb, um tief Luft zu holen, dann stößt sie einen krächzenden Bellton aus. Mehrmals hintereinander imitiert sie den Schrecken des Rehbocks, damit wir lernen, ihn nicht mit dem Bellen eines Hundes verwechseln.
Wir blicken ehrfürchtig in den Wald neben unserem Haus, weil Madame B. sich sicher ist, dass von dort eines Tages der Rehbock kläffen wird.

Nach ihrem Antrittsbesuch bei uns kaufe ich „Ma cuisine du soleil“ (1978), das erste Kochbuch, von Papa Roger Vergé.
Mir eröffnet sich eine Welt in Lachsrosa, Hummer, Orangensorbet und Rotbarben mit ein wenig zartem Gemüse aus der Region.
Vergé kocht wie ein Maler, der sich keine Sorgen, darum macht, ob ihm die Farben jemals ausgehen könnten.

Bei dem nächsten Besuch von Madame zeige ich ihr stolz mein Exemplar von „Ma cuisine“, das ich antiquarisch gekauft habe. Sie lächelt geheimnisvoll.

„Darin ist ein Fehler, den nur ich kenne. Mein Papa hat ihn mir verraten“.

Wann sie dieses Geheimnis lüften wird? Sie verrät es nicht. Sie nimmt sich da wohl ein bisschen Zeit.

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Bild von Anja Röhrig

Anja Röhrig

Ich habe viele Jahre als Journalistin und Autorin in den Bereichen Kultur, Geschichte und Literatur gearbeitet. Meine publizistischen Schwerpunkte liegen auf Food, Food History und existenziellen Lebensthemen – ebenso wie auf Rezensionen und Essays.

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