Das kleine Glück am Boden

Ich klettere die Oliventerrassen hoch in Richtung Wald. Ich gehe in Schlangenlinien, immer quer zum Hang. Denn die Terrassen laufen nach etwa 200 Metern sanft aus und neigen sich auf die untere Ebene.
Terassen

Entweder gibt es eine sanfte Kehre oder ein paar Treppen, die zur nächsten Terrasse führen. So steige ich Terrasse um Terrasse immer höher hinauf. Mein Blick schweift über die Hügelkämme in die Ferne. Aber meistens blicke ich auf die Weise unter meinen Füßen.

In den „restanques“
Die Terrassenhänge heißen hier „restanques“. Seit der großen Kältewelle im Februar 1956, bei der viele Olivenbäume starben, sind die Olivenhaine auf den Hängen sich weitgehend selbst überlassen. Auch bei uns.
Mein Gang verlangsamt sich mit jeder Terrasse, die ich nehme. An manchen Punkten hat der frühere Besitzer des Hauses kleine Steintreppen angelegt. Sie sind schon aus der Ferne zu erkennen, da die Stufen mit blau-weißen Porzellanscherben dekoriert sind.

Dort wo einst Oliven oder Getreide angebaut wurde, stehen vereinzelt ein paar Oliven unter den sich immer mehr ausbreitenden Sehkiefern. Dazwischen ragt ein Unterstand für vorbeiziehende Schäfer hervor. Ein kleines Steingebäude, die sich unterhalb der Terrassen, nah am Boden duckt. In diesen „cabanon“ stellten sich die Schäfer unter oder übernachteten, bevor sie weiterzogen.

Artenvielfalt auf der Magerwiese
Das Abweiden durch die Schafe und Ziegen hat die Landschaft geformt und den Boden verändert. Er ist arm an Nährstoffen, also eine Art Magerwiese. Hier wächst alles, was Schmetterlinge und andere Insekten lieben.
Ich habe versucht, einen Teil davon zu klassifizieren. Gefunden habe ich – je nach Jahreszeit: französischen Tragant, Bienenwurz, Teufelsabiss, Silbermoose, Riesenknabenkraut, behaartes Schaumkraut, Saat-Esperette, Fruchtmispel , Wolfsmilch, wilden Thymian, spanischen Ginster, gewöhnlichen Asphaltklee, Seiden-Backenklee, Duftveilchen und die Marienglockenblume neben Margeriten und immer wieder die raue Stechwinde.
Sie wachsen beisammen und scheinen im Herbst sogar einen zweiten Frühling anzustreben, wenn sie erneut blühen.

Im Bewusstsein dieser Fülle über die Hänge zu laufen, steigt ein Begriff in mir hoch: „le petit bonheur“, das kleine Glück, wie es die Franzosen nennen. Ja, das ist es: ein kleines dankbares Glück.

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Bild von Anja Röhrig

Anja Röhrig

Ich habe viele Jahre als Journalistin und Autorin in den Bereichen Kultur, Geschichte und Literatur gearbeitet. Meine publizistischen Schwerpunkte liegen auf Food, Food History und existenziellen Lebensthemen – ebenso wie auf Rezensionen und Essays.

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