Die Kirschbäume sind in einer exakten Reihe entlang des Fahrradwegs gepflanzt. Am Rande des grünen Wiesenquadrats neben dem Haus. Inzwischen sind sie von einem Staudenbeet umgeben. Ein Pfad führt quer zur Wiese direkt unter ihren Kronen hindurch zum Fahrradweg am Rhein.
Im November. Nur wenige Blätter an den Ästen. Sie leuchten schwach rot-orange. Eine verhaltene Heiterkeit geht von ihnen aus. Die weiß gestrichenen Stämme zeichnen ungerade Linien in die Landschaft, so stakselig wie junge Rehkitze auf ihren Beinen. Schon bald springen sie in den Winter davon.
Auf der andren Seite des Weges steht der Birnbaum. Er markiert die Ecke des Bürogebäudes. Bei der Pflanzung schon kümmerlicher als seine Kirschnachbarn.
Seine Krone macht keine Anstalten sich breit zu machen, ganz artig und klein formt sie sich zum Oval. Er rührt mich. So allein, an der Ecke, dem Wind ausgesetzt. Diese Rührung ist von einer scheuen Art.
Ob der Birnbaum sich mit den Kirschen unter dem Asphaltweg austauscht? Bei einer Baumführung durch Bonn habe ich gelernt, dass die Bäume das tun. Allerdings bevorzugen sie die Unterhaltung mit der eigenen Art. Ich hoffe, dass die Birne ihre unterirdischen Fühler zu ihren Kirschnachbarn ausstreckt.
Würde ich es erkennen? Und wenn, woran? Womöglich ein verstärktes Blühen und Ausschlagen im nächsten Jahr?
Welche Sinne bräuchte es, um ihrem Gespräch zu lauschen? Vermenschliche ich die Bäume? Mir leuchtet nicht ein, warum eine streng biologische Betrachtung oder eine bewusst nicht-menschliche Naturbeschreibung, wie sie oft im „nature-writing“ angestrebt wird, die korrektere Annäherung darstellen sollte? Eine Annäherung, die das Vermittelte durch Anschauung, Wort und Gefühl ausklammern möchte. Um was zu erreichen? Tiefer, echter, wahrer zu sein?
Ich glaube, aus diesem Dilemma, Teil von Natur zu sein, sich selbst als solchen Teil zu begreifen und gleichzeitig Natur zu betrachten, und sie dadurch wiederum zum Objekt zu machen, können wir nicht aussteigen.
Vielleicht hülfe da die chinesische Philosophie.
Im Buch „Vom Sein zum Leben“ des französischen Philosophen François Jullien Buch finde ich ein anderes Vorgehen. Er beschreibt das chinesische Einvernehmen im Umgang mit Landschaft:
„‘Landschaft‘ liegt dann vor, wenn mein Erkenntnisvermögen in Verständnisinnigkeit kippt, sich umkehrt, sodass die objektivierende, hier vor allem die observierende Beziehung, die ich zur Welt unterhalte, sich in Einvernehmen und stille Kommunikation verwandelt: Aus dem Wissenden, der ich gegenüber dem „Land“ gewesen war (mit dem Wissen der Geografie) , wird aus mir ein in die Landschaft innig Eingebundener. Nicht das ich Elemente der Landschaft „personifiziere“ oder mich in sie „Hineinprojiziere“, den Dingen meine Subjektivität verleihe oder das Unbelebte verlebendige, wie es die gewöhnliche, die geschwätzige Romantik im Versuch, , den Rationalismus der Erkenntnis auszugleichen, in Europa immer wieder und wieder getan hat. …Die chinesischen Maler-Poeten brachten großartig zum Ausdruck, was das bedeutet: Das Das Perzeptive wird immer zugleich zu etwas Affektivem, mich selbst nehme ich von innen wie von außen wahr; von der Körperlichkeit der Dinge geht eine Dimension der Unendlichkeit aus und verbreitet sich, mit der sich mein Geist „ins Einvernehmen setzt“. Aus Land wird Landschaft…diese Stück Land (wird) wie von selbst zum Partner, wenn die sich einstellende Spannung mich einbezieht und teilnehmen lässt. Es gibt, anders gesagt, „Landschaft“, wenn sich mit diesem „Land“ eine Relationalität einstellt bzw. wiederherstellt, die mich zurückgehen und an die Quelle jenseits von dem, was die erkennende Vernunft etabliert hat, finden lässt. Der Ort wird plötzlich ein „Band“ und diese „Stück Land“ wird zur Welt. Ich verbinde mit ihm wie mit dem, was die Welt ausmacht. „
Etwas ähnliches hat Henry David Thoreau beschrieben. Zwar bleibt er bei der visuellen Wahrnehmung, dennoch zielt seine „Kunst des Sehens“ dahin, ins Einvernehmen mit der Landschaft zu gelangen:
„Wir können unsere Sehvermögen nicht erweitern ohne uns selbst zu entwickeln. Nicht nur beeinflusst, wer wir sind, wie wir die Welt sehen, ebenso bestimmt, was wir sehen, wer wir sind. Wie es in den Veden heißt: „Was du siehst, ist das, was Du sein wirst“.



